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Harr!

Schon das Treppenhaus ist atemberaubend. Wieso war ich hier noch nie? Jede Stufe glitzert, als ich, an das dunkel geölte Holz des Treppengeländers gelehnt, vom vierten Stock nach unten schaue. Betonromantik, denke ich. 70er-Jahre-Stil und auf wundervolle Art mayestätisch. Das fängt ja gut an.

Neben mir stapft bedächtig und doch zielgerichtet ein über und über tätowierter Yogi die Treppen hoch und fragt mich im Gehen aus.

Ja, das ist das erste Mal Kundalini Yoga für mich.

Doch, doch, anderes Yoga habe ich seit Jahren gemacht.

“Super chillig”, sagt er und grinst kurz, bevor er im Raum verschwindet. Hinter ihm rattert ein kleines Wägelchen voll Yogi-Tee und heißem Wasser. Ob wir am Ende alle schön Tee zusammen trinken? Ich weiß noch nicht, dass ich im Laufe der Stunde trotz mitgebrachter Trinkflasche den Teewagen mehr schätzen werde als alles andere im Raum.

Amrit strahlt mich besonnen an und folgt mit seinen wachen Augen meinen vorsichtigen Schritten in den Raum. So ganz in weiß und mit Turban - da sieht er noch etwas guruhafter aus als sonst, denke ich und erinnere mich daran, dass er Harley fährt und jeden Tag bei uns im Café Cappuccino trinken kommt. Alles halb so esoterisch, beruhige ich mich. 

“Ich probier gleich Kundalini-Yoga aus, das ist viel anstrengender als das, was ich sonst mache im Yoga”, hatte ich vorhin noch Paul geschrieben. Jetzt macht mich der Gedanke leicht nervös. Ein Blick in die Runde lässt allerdings eher Kuschelstimmung vermuten. Die Yogamatten, auf denen ich sonst zum Sonnengruß schwitze sind reihum mit dicken Fellmatten bedeckt. Im Minutentakt tippselt jemand zum Classic-Chai-Ausschank.

“Hmmm….”, sagt Amrit mit unendlicher Langsamkeit in den Raum und alles verstummt und hängt an seinen Lippen. “Hmmm.....Wahnsinnig viel los, hm…? (...) In der Welt (...) in uns!”. Ich grinse über beide Ohren und muss fast laut lachen, aber ich bin nicht die Einzige. Allerdings vielleicht die einzige, die an Esoterik und Gurutum denkt und es lustig findet.

Der Rest des Raums stimmt ein und atmet hier und da ein seufzendes “Ja, genau!” aus. Also gut, denke ich, ich lasse mich jetzt drauf ein und springe auf den Esozug. Auch wenn er gerade vom Mond redet, der seit einem halben Jahr “Schuld an allem Stress” sei. Ich ertappe mich dabei, wie ich den Gedanken kurz in Betracht ziehe.

Dann geht es los. Wir ommmen, ich schließe die Augen. Wir ommen noch mehr und ich merke die Wucht eines vollen Raums voller Ommmmmer. “Lass nur positive Gedanken zu jetzt. Genau…schön! Sehr gut!”, surrt es immer wieder um uns herum und ich finde das plötzlich ganz wunderbar. Und denke aufbauende Sachen und bin auf einmal sehr stolz auf mich. Was ich heute so alles geschafft und gemacht habe, was ich die ganze Zeit Tolles tue. Schön! Ich glaube, das ist genau mein Yoga hier. Sonne im Kopf.

Und dann geht es doch noch los. Atmen, so tief und schnell, dass ich kurz denke ich hyperventiliere und ebenso kurz, dass das genau die richtigen Übungen für mich sind. Zehen strecken, dabei 10 Minuten tiiiiief atmen. Das klingt so einfach, ist aber unfassbar anstrengend. “Wenn Krämpfe kommen, einfach durchatmen.” Uff, da kommen aber ganz schön viele. Noch eine Übung, die vielleicht nach nichts aussieht, aber mit diesen tiefen Atmungen wird uns allen ganz anders. Wir schwitzen, stöhnen, wollen aufhören und tuen es doch nicht, weil Amrit und ständig zum Lachen bringt. “Jaaaaa! Jetzt. Genau jetzt macht es richtig Spaß. Ihr lächelt und denkt nicht: Was wil der Depp da vorne von mir.” Gedankenleser.

Ganz schön scary, das sind genau die Zustände, vor denen ich Angst habe immer, schwindelig, hyperventilieren, überanstrengt. Ich mache trotzdem weiter und denke mir, sie können mich ja mit Yogitee wiederbeleben. Und dann bin ich wieder stolz und auch nicht die einzige, die so leidet und schwitzt und japst. Dann endlich die himmlischen fünf Worte: “Leg dich auf den Rücken.”

Der Yogimeister würde sagen: Ich werde mit einer weiteren Aufgabe beauftragt in der Tiefenentspannung, denn die Frau nebe mir schmatzt und sabbert non-stop, was ich pinibel genau höre, wie ich das immer tue bei Essensgeräuschen, nur jetzt kann ich keine Kopfhörer aufsetzen, den Raum verlassen oder mich ablenken. Schmatz-Gedröhne für 10 Minuten und an meinem Fuß juckt es auch noch. Ommm ommm. Ich versuche mir einzureden, dass sie nervös ist und deshalb schmatzt und habe etwas Mitleid. Aber mehr noch mit mir. Gedanklich erzähle ich das alles Amrit nach der Stunde und gebe mich verständnisvoll und reflektiert über meine inneren Aufreger, jetzt gerade will ich einfach nur, das es aufhört.

Dann endlich: Aufsetzen, Meditation. Aber was für eine. Harri-harri-harri-harri-harri-harri-har! Einatmen. Harri-harri-harri-harri-harri-harri-har! Einatmen. Harri-harri-harri-harri-harri-harri-har! Einatmen. Harri-harri-harri-harri-harri-harri-har! 15 Minuten lang. Ich denke über die Meditation nach und dass sie “all deine aktuellen Gebrechlichkeiten” heilen soll. Was ich nacher essen werde, wenn ich heimkomme. Ofenkäse! Hmm. Nein, zu schwer nach Yoga. Zucchinispaghetti mit Tomatensoße und Käse. Harri-harri-harri. Oder doch Käse, ach ich hab so Lust auf Käse. Harri-harri-harr. Ah ne Harri-harri-harri.

Irgendwann zwischendrin hört das Geplane und die Selbstanalyse auf und ich spüre einen wahnsinnnigen und doch angenehmen Druck auf der Stirn. Irre! Das dritte Auge, wo man immer hinatmen soll auch im Hatha Yoga, ich spüre es pochen. Und bin ganz ruhig auf einmal. Schwebend und harri-harri-harri-harr! Wo bin ich eigentlich gerade? Das könnte noch Stunden so weitergehen und dann hört es plötzlich auf und um mich singen alle “may the sun light up your life”. Oder so.

“So dürft ihr jetzt noch nicht gehen, ihr würdet glatt vors nächste Auto laufen, redet noch miteinander”, sagt der Guru, aber ich bin noch total beduselt und rede trotzdem mit Amrit über die Stunde und sage Dinge, die mir sonst nicht so einfach über die Lippen kommen. 20 Minuten später komme ich auf mir unerklärliche Weise nach Hause ohne Unfall und denke: Harr!